Nachbarschaft beleben! Ina Brunk von nebenan.de im Interview

Sei nett! Sei hilfsbereit! Sei ehrlich! Das sind die drei goldenen Regeln, die die Plattform nebenan.de, die im Dezember 2015 an den Start ging, seinen Nutzern auferlegt. Das Ziel: Menschen, die im selben Kiez, in der selben Straße oder sogar im selben Haus wohnen, miteinander zu vernetzen.

Mittlerweile zählt nebenan.de mehr als 1200 Nachbarschaften in 60 deutschen Städten – und 30 feste Mitarbeiter, zu denen neben den Geschäftsführern Christian Vollmann und Till Behnke, der schon die Spendenplattform betterplace.org zum Erfolg gemacht hatte, auch Ina Brunk (Junge Helden e.V.) gehört. Ihr Antrieb: die eigene Erfahrung von Anonymität, die die 33-jährige Werbekauffrau und Wirtschaftspsychologin von der Schwäbischen Alb in Großstädten immer wieder macht.

 

Ina Brunk gehört zum sechsköpfigen Gründungsteam von nebenan.de. Foto: nebenan.de

Ina Brunk gehört zum sechsköpfigen Gründungsteam von nebenan.de. Foto: by nebenan.de

Ina, ihr habt im Dezember 2015 die Nachbarschaftsplattform nebenan.de gelauncht. Warum klopft man nicht einfach an die Tür seines Nachbarn, wenn man mit ihm in Kontakt treten möchte? Warum braucht es dafür nebenan.de?

Ina Brunk: Ich glaube, dass wir es schlichtweg verlernt haben. In den 90er-Jahren war es in, in die Stadt zu ziehen, die Anonymität zu genießen, sich ausleben. Auch ich bin deswegen nach Berlin gekommen. Aber in einer Zeit, in der die Familie weit weg lebt und die Freunde oft am anderen Ende der Welt sind, fragen sich die Menschen auf einmal wieder: Was passiert eigentlich um mich herum? Sie besinnen sich nicht nur zurück auf Produkte aus der Region, sondern auch auf die zwischenmenschlichen Beziehungen. Nachbarschaft war immer eine wichtige Säule für das Sozialleben, wurde aber im Zuge der Digitalisierung einfach vernachlässigt.

Ist es nicht ironisch, dass ihr diese Anonymität ausgerechnet mit Hilfe des Internets zu durchbrechen versucht, das als Katalysator dieser Entwicklung gilt?

IB: Nein. Das Netz bietet tolle Möglichkeiten, in Kontakt miteinander zu treten, erste Impulse zu setzen und eine größere Masse zu erreichen. Das würde ich nur durch Klingeln gar nicht schaffen.

Warum nutzt ihr für eure Idee, lokale Nachbarn wieder miteinander zu vernetzen, nicht die vorhandenen sozialen Netzwerke, die ja schon eine große Reichweite haben?

IB: Weil wir glauben, dass Nachbarschaft ein ganz eigener Kosmos ist, eine eigene Kultur. Facebook verbindet zu 99 Prozent Menschen, die sich auf irgendeine Art und Weise bereits kennen. Nachbarschaft ist heutzutage ein Nebeneinander von Fremden – die wieder zu Nachbarn werden sollen. Da braucht es ein vertrauensstiftendes Umfeld sowie Identifizierungsmöglichkeiten: einen Raum mit einem Namen und einer örtlichen Begrenzung – eine Nachbarschaft

Was unterscheidet euch konkret von Facebook?

IB: Wir denken den Begriff soziales Netzwerk anders und neu. Oft fallen einem zu dem Begriff Schlagwörter wie Datenschutz, Fakeprofile und Shitstorm ein. Die Währung unseres Konzepts heißt Vertrauen. Dass man sich bei uns nur unter richtigem Namen anmelden kann, hat immense Auswirkungen auf die Art und Weise, wie die Menschen miteinander umgehen.

Foto: nebenan.de

Foto: nebenan.de

Eure größte Nachbarschaft hat derzeit 600 Mitglieder. Entsteht bei so einer Größenordnung nicht auch wieder Anonymität?

IB: Bisher gilt: Je mehr dazukommen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, auf Menschen mit gleichen Interessen zu stoßen. Es gibt aber zu wenige. Um eine Nachbarschaft zum Laufen zu bekommen, müssen in einem relativ kurzen Zeitraum ein paar Leute zusammenkommen, die Lust haben, so eine Gemeinschaft zu initiieren und sie voranzutreiben.

Wie viele Menschen braucht es dafür mindestens?

IB: Zwei sind nicht genug. Das ist, als wenn auf einer Party nur einer tanzt – da stehen die Sterne nicht gut. Es müssen dann schnell ein Zweiter und ein Dritter dazukommen – erst dann fängt das Ganze an zu leben.

Wie stellt ihr sicher, dass eine Nachbarschaft nicht an diesem kritischen Gründungsmoment scheitert?

IB: Indem wir Nachbarschaften erst ab zehn Personen eröffnen. Wenn jemand bei uns eine neue Nachbarschaft eröffnet, kann er einfach abwarten, dass mehr Leute dazukommen. Er kann aber auch aktiv werden und in seinem Kiez Handzettel verteilen, die man sich als Vordrucke von unserer Website herunterladen kann. Wir bieten eine Plattform – machen und gestalten müssen die Menschen das Zusammenleben aber selbst.

Ich muss mich am Ende also doch auf die Socken machen.

IB: Ja. Wir wollen die Interaktion in der realen Welt nicht ersetzen, sondern sie wiederbeleben – mithilfe des Internets. Und tatsächlich: Fast alles was auf nebenan.de stattfindet, wird im echten Leben weitergeführt oder findet dort seinen Abschluss. Ich kann über die Plattform jemanden finden, der mir eine Bohrmaschine leihen kann – abholen muss ich sie dann aber selbst. Und schon ist ein direkter Kontakt entstanden. Vielleicht grüßt man sich beim nächsten Mal einfach auf der Straße.

Wird nebenan.de als digitale Plattform durch den persönlichen Kontakt irgendwann überflüssig?

IB: In Einzelfällen sicherlich. Allerdings zieht in Deutschland jeder zehnte einmal pro Jahr um. Das Bedürfnis, an neuen Stellen neu anzuknüpfen, wird es also immer geben. Außerdem ist es natürlich einfacher, nach Veranstaltungen, die man über nebenan.de in seiner Nachbarschaft organisiert hat, auf die Plattform zurückzukehren, um ein Dankeschön auszusprechen, ein Foto in die Runde zu schicken oder das nächste Zusammentreffen zu organisieren.

Reicht das Engagement einzelner? Oder müsst ihr auch mal nachhelfen, um eine Nachbarschaft am Laufen zu halten?

IB: Wir greifen insofern in das System ein, als dass wir zwischen engagierten Mitgliedern verschiedener Nachbarschaften einen Austausch schaffen, ihnen Ideen aus anderen Nachbarschaften zuzutragen, ihnen auch mal dabei zu helfen, einen Flohmarkt zu organisieren oder auch einfach Ansprechpartner für sie sind. Gerade haben wir das Supernachbarn-Programm gestartet, das besonders engagierte Nachbarn verschiedener Nachbarschaften auf einer Sub-Plattform miteinander vernetzt.

In welchen Städte und Regionen wird nebenan.de am besten angenommen?

IB: Den Anfang gemacht haben Berlin, Hamburg und München. Im Endeffekt steht und fällt es immer damit, dass es jemanden gibt, der Lust darauf hat, es anstößt und sich engagiert. Mittlerweile gibt es mehr als 1000 Nachbarschaften in etwa 30 Städten in ganz Deutschland – auch kleinere wie beispielsweise Braunschweig. Besonders viele Menschen sind auch bereits in Nordrhein-Westfalen aktiv.

Warum?

IB: Vermutlich weil das Bundesland einfach sehr dicht besiedelt ist und die Idee von einer Stadt auf die andere überschwappt. Wenn Wuppertal und Düsseldorf das machen, dann bekommen Remscheid und Solingen das mit und machen es auch. Das gleiche beobachten wir im Norden – Hamburg, Kiel, Rostock, Bremen …

In ländlicheren Regionen spielt nebenan.de keine Rolle?

IB: Jein. Tatsächlich beobachten wir, dass die Plattform vor allem in Städten genutzt wird. Ich beobachte aber, dass man sich heute selbst in dem Dorf auf der Schwäbischen Alb, aus dem ich komme, anders begegnet. Auch dort fahren Mütter ihre Kinder mittlerweile mit dem Auto in den Kindergarten. Auch dort begegnet man sich weniger. Allerdings sind auf dem Dorf vielleicht andere Themen wichtig.

Welche?

IB: Wir haben zum Beispiel eine ländliche Nachbarschaft, bei der das verbindende Element ist, dass alle zu einer sehr ähnlichen Zeit dorthin gezogen sind – ein klassisches Neubaugebiet. Alle sind in einem ähnlichen Alter, haben zur selben Zeit ein Haus gebaut – und somit auch die gleichen Probleme. Mal braucht jemand eine Leiter, mal jemanden, der eine Stunde auf die Kinder aufpasst, weil man schnell etwas erledigen muss.

nebenan_Blumen_gießen

Wer kann meine Blumen gießen, während ich im Urlaub bin? Nebenan.de setzt auf den Einsatz füreinander – und war selbst überrascht, wie gut es funktioniert. Foto: nebenan.de

Sind es vor allem praktische Themen, wegen denen Nachbarn auf nebenan.de in Kontakt treten?

IB: Es gibt in jeder Nachbarschaft zwei Ebenen von Themen. Zum einen die akute, praktisch-pragmatische Hilfe: Wer kann meine Blumen gießen wenn ich verreist bin? Wer hat eine Leiter, die ich mir ausleihen kann? Wer kann mir beim Einkaufen helfen, weil ich mir das Bein gebrochen habe oder einfach nicht mehr so gut zu Fuß bin. Wir erleben da eine große Hilfsbereitschaft unter den Menschen, die uns überrascht hat. Wir dachten, dass das pragmatischer wird: dass man sich für bestimmte Themen und Interessen zusammenschließt – zusammen joggen, eine Leiter borgen. Aber die Menschen scheinen ein großes Bedürfnis nach nachbarschaftlichen Beziehungen zu haben, die darüber hinausgehen.

Welche ist die zweite Themenebene?

IB: Die Suche nach Gemeinschaft und Austausch. Doppelkopfrunden zum Beispiel sind äußerst beliebt – Menschen, die abends gemeinsam Spiele spielen wollen. Aber auch Lesezirkel, Stricken, Nähen … gerade in der Vorweihnachtszeit.

Wird gehandelt: Tausche oder mache x gegen y?

IB: Ja, aber nicht rein linear. Jemand, der die Hilfe eines anderen in Anspruch nimmt, springt dafür ein, wenn ihn ein Dritter braucht.

Wie wollt ihr nebenan.de weiterentwickeln?

IB: Ganz oben aufgehängt ist die Idee, Nachbarschaft wiederzubeleben – das Zugehörigkeits-, aber auch das Verantwortungsgefühl. Momentan nutzen wir dafür das vorhandene Potenzial: Wer kann was? Wer hat eine Leiter? Zusammen mal aufräumen oder gärtnern, hässliche Verkehrsinseln bepflanzen, der eine gießt mal abends, der andere mal morgens. Dazu gehört erst einmal, dass sich die Menschen miteinander verbinden, die in der Nachbarschaft leben. Mittelfristig sollen dann auch alle anderen Akteure dazukommen, die Nachbarschaft ausmachen: Kirchen, soziale und kulturelle Einrichtungen, lokales Gewerbe und Einzelhandel, lokale Dienstleistungen. Die wollen wir in einem feinen Konzept zusammenbringen und uns als digitale Anlaufstelle anbieten.

Wie wollt ihr dieses Konzept finanzieren?

IB: Für die kommenden zwei bis drei Jahre ist unsere Finanzierung über Investoren gesichert.

Und dann? Über Werbung?

IB: Klassische Werbung soll es bei uns nicht geben. Mittelfristig wird Werbung aber schon eine Rolle für uns spielen – allerdings in einer anderen Form. Lokales Gewerbe soll mittelfristig mit einem eigenen Profil und eigenen Beiträgen auf sich aufmerksam machen dürfen – und dafür dann einen Beitrag zahlen. Ursprünglich hatten wir mal überlegt, uns als Non-Profit-Organisation zu gründen, uns dann aber für ein Sozialunternehmen entscheiden, weil wir auch skalieren möchten – darin spiegelt sich unser Anspruch, dass gesellschaftliche Relevanz und wirtschaftliche Bedeutung miteinander Hand in Hand gehen.

Was ist das nächste große Ziel?

IB: Die App, die jetzt im Herbst an den Start gehen soll. Die bietet einfach mehr Möglichkeiten mit den Nachbarschaften zu kommunizieren und macht auch die userseitige Nutzung leichter.